Schlaraffia Washingtonia
Reych 197 gegründet am 28. III. a.U. 55
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Willkommen im Schlaraffenland
Von Christine Hoffmann
Es dämmert schon, als die Ritter in ihren Burghof ziehen. Mit soliden Blechkarossen,
dunklen Mänteln und Aktenkoffern gewappnet, biegen sie auf den kargen Parkplatz
eines Hinterhauses im Stuttgarter Osten ein. Halblaut schlagen Autotüren, dann schreitet
ein Heer meist älterer Herren hinauf ins Oberstübchen des schwäbischen Weinlokals
„Bembele“ zum wundersamsten aller Herrenabende. Nur immer der Nase nach und die
Stiege hoch. Wo Füße über eine Kokosfußmatte mit dunklen Intarsien „Schlaraffia
Stutgardia“ scharren und der Kohlgeruch rezent wird, sind die Ritter am Ziel.
„Lulu“, schallt es förmlich-fröhlich zu ihrer Begrüßung im Reyche Stutgardia; zur
Stärkung werden heute schwäbische Krautwickel, Butterbrezeln und Lethe, zu Deutsch
Wein, gereicht. 18.30 Uhr, noch eine Stunde bis zur 3145. Sippung der Stuttgarter
Schlaraffen.
Wer jetzt an Fasching denkt, tut dieser ehr- und merkwürdigen Herrengesellschaft
Unrecht, denn sie treibt es traditionell den ganzen Winter lang närrisch. Und zwar überall
auf der Welt, in 300 Städten.
„Wir haben alle einen Vogel“, sagt Reinhard Schiffler (58), der montags ab halb acht nur
noch auf den schlaraffischen Namen Quästor, der wohlmeinende Blitztribun, hört. Sein
Vogel, sein Spleen hat Gestalt: Wappentier der Schlaraffen wurde schon bald nach ihrer
Gründung im Jahre 1859 der Uhu, der sich mal ausgestopft an der Wand, mal als
Hologramm hinter Glas oder zweidimensional als Auto-Aufkleber zeigt.
Weil heute der Uhu ruft, holen die schwäbischen Ritter ihre Gewänder aus den Koffern
und stülpen klimpernde Stoffhelme über - die Rüstung der Schlaraffen, die sich während
der so genannten Winterung zwischen Oktober und April einmal pro Woche in ihren
Burgen, den wappengeschmückten Vereinslokalen, sammeln.
Drei Dinge bleiben dabei draußen vorm Burgtor. Beruf, Religion, Politik. Schließlich
streifen mehr als 50 gestandene Geschäftsmänner hier und heute erneut Namen, Titel und
Beruf ab, möglichen Stress mit Gattin oder Kollegen ebenso. Werden für drei, vier
Stunden zum Kind, pardon: zum Schlaraffen, klappern mit hölzernen Säbeln und
vertreiben sich die Zeit mit Klavier- und Wortspiel, launigen Gedichten sowie Fehden,
die mit Worten ausgetragen werden.
„Wir sind ein Club der Albernen“, erklärt ein Weißhaariger und zwinkert zum Gruß mit
wasserblauen Augen: „Gestatten, Ritter Eulenspiegel“. Früher war er Schauspieler, heute
ist er Professor, schreibt Bücher über Rhetorik.
Das fast schon schizophrene Pendeln zwischen montäglicher Albernheit und alltäglichem
Ernst teilt Eulenspiegel mit allen Schlaraffen: Ein Internist verbeugt sich vor dem Uhu am
Eingang zur Burg – und verwandelt sich in Ritter Flohhax. Ein Ex-Buchhalter wird flugs
zum Ritter Ben Confectio, ein honoriger Rechtsanwalt hört nur noch auf den Namen
Ritter Sahaara. „Weil er in seiner Freizeit leidenschaftlich gerne mit dem Landrover durch
die Wüste fährt“, verrät Konzernprüfer Schiffler alias Quästor. „Ich bin seit 24 Jahren
dabei und weiß über fast alle Bescheid“, sagt der einstige Oberschlaraffe, vorübergehend
außer Amt und Würden, weil man nicht unbegrenzt in solche Führungspositionen gewählt
werden kann.
Während Schiffler inmitten der anderen Sassen vor seinem Bierkrug sitzt, fiebert sein
Nachfolger vorne auf dem Thron - ein umgebauter Schreibtisch - dem Einritt entgegen.
„Reychsmarschall, rühret das Tamtam“, befiehlt der Fungierende Oberschlaraffe Ritter
Blitzschneck. Schlag halb acht schlägt Marschall DonBassquali also den Gong, Tastelli
eilt zum Klavier, Concerto geigt, Ben Confectio spielt Klarinette, 50 weitere Ritter
schmettern: „Verbannt sei aller Zank und Streit, hier herrsche nur die Fröhlichkeit, und
Witz und Geist dazu, Uhu, Lulu.“
Dann reiten die Gäste durchs Spalier der Holzschwerter: Von donnerndem „Lulu“
begleitet, trabt ein rundes Dutzend Ritterkollegen aus den benachbarten Reychen
Göppingen und Schwäbisch Gmünd, aus Baden-Baden, sogar Lübeck herein und labt
sich vor dem Thron an einem Humpen Lethe.
Schlaraffen sind überall daheim. In fremde Reyche einzureiten, ist für sie kein
Schmarotzertum, sondern liebgewonnene Schrulle. Ritter Wunder-Bar, ein
Werbeexperte, liest gerade die Reyche herunter, die er auf einer sechswöchigen
Dienstreise quer durch Deutschland besuchte. „Für Handelsvertreter zum Beispiel sind
wir ein idealer Verein“, kommentiert Quästor zwinkernd: „Die haben abends immer eine
Anlaufstelle, da braucht sich die Gattin zu Hause keine Sorgen zu machen.“
Ein Trost, wenn sie schon nicht mit in die Sippungen darf. Denn die sind reine
Männersache. „Die Erotik“, seufzt Quästor erklärend. „Da würde alles durcheinander
kommen, es gäbe Rivalitäten unter uns Männern, keiner könnte sich mehr aufs
Wesentliche konzentrieren, auf das absolute Entrücken, das konfliktfreie Sein unter
Gleichgesinnten.“
Wohlan. Noch eine Hymne auf die Gäste, dann verliest man Protokolle. Eine Liste
kreist; wer heute Abend auf dieRostra steigen, sprich: ans Rednerpult treten will trägt
sich ein. Auch Quästor kreuzt an: „zwei Minuten, heiter“ soll sein Vortrag sein. Später
wird er wie ein Dutzend anderer Ritter vortreten und über Wilhelm Busch parlieren, das
Thema der heutigen Sippung. Der wurde einst zum Ehrenschlaraffen berufen und nach
seinem schwarzen Raben „Ehrenschlaraffe Huckebeyn“ getauft. Ein bisschen Busch’sche
Biografie, Bonmots und Anekdoten, Dias oder selbst gezeichnete Bildergeschichten, aus
hanebüchenen Gründen erhobene Forderungen zum Duell füllen die Zeit bis zum
Schlusslied um 22.40 Uhr.
So orakelt programmatisch Ritter Weißnix, was wohl Busch höchstselbst über die
Schlaraffen gedichtet hätte:“Ein Konzert von Dilettanten. / Stimmt auch grad nicht jeder
Ton / wie bei rechten Musikanten, / ihnen selbst gefällt es schon.“ Was zeigt, dass sich
die Schlaraffen meist nicht für voll, dafür gern selbst auf die Schippe nehmen.
Heilig ist ihnen nur die Pflege von Kunst, Humor, Freundschaft. Nicht umsonst suchen -
neben Angehörigen grundsolider Professionen - auch etliche Musiker, Maler und Mimen
Heimat im Schlaraffenreich. Regelmäßig huldigen sie dort in ihren Sippungen den
Ehrenschlaraffen Goethe (Faust), Schiller (Funke) oder Beethoven (Florestan). Erst
letztes Frühjahr reisten die Stuttgarter zum Florestan-Turney nach Bonn und wetteiferten
um die beste Beethoven-Interpretation.
„Wir haben gewonnen“, berichtet Quästor stolz. „Mit meinem Schwiegervater Cellcanto
an der Spitze, der war mal Solo-Cellist beim Radio-Sinfonieorchester und Professor an
der Musikhochschule!“ Heute, über 80 und schlohweiß, reitet der Senior noch jeden
Montag in die Burg ein und lauscht versunken dem Klavierspiel.
Er war es auch, der Schiffler zu den Schlaraffen brachte - ein gängiger Weg in den
Herrenclub. Wer keinen kennt, der einen Schlaraffen kennt, erfährt nie, dass es sie
überhaupt gibt. Reklame ist den meisten Rittern suspekt, wohl mit ein Grund dafür, dass
das Durchschnittsalter jenseits der 60 liegt. Und obwohl hier kein Geheimbund hinter
Schloss und Riegel tagt, wie Schiffler betont, prahlt man nicht mit der Mitgliedschaft im
Herrenclub. „Ich häng's nicht an die große Glocke“, sagt Wenzel Kahrmann aus
Göppingen. Mit 32 Jahren ist er „unter den Jüngsten der fast 11000 Ritter im Uhuversum
“.
Nur ein Insider würde ihn alltags erkennen: Der Bauingenieur trägt am Ohrläppchen
einen kleinen goldenen Uhu, der heute vom Pomp seines Ornats gänzlich überstrahlt
wird. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein blitzendes Kornett, eine Art französische
Trompete. Seinen linken Ärmel ziert denn auch der Rittername:“Cornett das Sans-
gênekele“, in Anspielung auf seinen Großvater, der den Namen Sans-gêne (wörtlich:
„ohne Hemmung“) trägt. Passenderweise prangt auf dem rechten Ärmel des „Enkels“ ein
Spitzendessous en miniature. Das ist freilich ebenso Spiel und Maske wie alles
Schlaraffische.
Kahrmann, nach eigenem Bekunden „ziemlich geil auf Fasching und geistige Ertüchtigung
“, hat bisher „die passende Burgfrau noch nicht gefunden. Manche meiner Freunde
haben schon komisch geguckt, als sie erfahren haben, was wir hier machen“, gesteht er
mit einem leichten Anflug von Röte. Die sagten: Such dir erst mal ne Frau. Die lernst du
dort wohl nicht kennen.“ Weil es bei Vater und Großvater aber auch irgendwann
geklappt hat mit der Weiblichkeit, ist dem Schlaraffen in der dritten Generation nicht
bange.
“Als er noch ganz klein war, hat man ihn gefragt, was er werden will“, verrät
Tischnachbar Akkuratio, der Verlässliche. Da sagte er doch allen Ernstes: ‚Schlaraffe.’“
Die Obrikeit lächerlich machen
Es war am 10. Oktober 1859 in Freunds Restauration zu Prag, als deutschsprachige
Musiker, Schauspieler und Literaten aus ihrem Stammtisch einen Verein namens
Schlaraffia machten. Der Gegenentwurf zur elitiren Poetengesefischaft Arcadia weitete
sich rasch auf die ganze Welt aus, schmückte die Vereinssprache Deutsch mit eigenem
Vokabular aus und nahm sich den Uhu als Wappentier. Heute gibt es im Uhuversum
rund 300 Schlaraffenvereine, so genannte Reyche in allen Erdteilen.
Drei Oberschlaraffen sitzen jedem Reych vor, ein Kantzler führt die Geschäfte. Die
Sassen (Mitglieder) treffen sich in der Winterung (1. Oktober bis 30. April) wöchentlich
zu Sippungen (Sitzungen) in der Burg (dem Vereinslokal). Sie tragen Gedichte oder
Musikstücke vor, wollen sich damit unterhalten, ihr Wissen erweitern, Kunst, Humor und
Freundschaft pflegen.
Berühmte Schlaraffen waren etwa der Schauspieler Paul Hörbiger oder der Schriftsteller
Peter Rosegger. Wer eintreten will, sollte solide leben und einem Beruf nachgehen. Von
einem Ritter als Pilger eingefiihrt, wird er erst Prüfling, dann Knappe, Junker, schließlich
Ritter, der seinen Namen wählt. Das Ritterspiel ist eine Persiflage und sollte früher die
Obrigkeit lächerlich machen - was dazu führte, dass die Nazis die deutschen Schlaraffen-
Reyche auflösten.
